Tritt ein, bring Glück herein

Stop, leider geschlassen!

 

Berichte - Ultramarathon beim Steppenhahn (08.2001)
"Wie soll das gehen so, ein 24-Stunden Lauf?"
von Andreas Ness, Juli 2001

"Wie soll das gehen so, ein 24-Stunden Lauf?" "24-h einfach nur laufen, das ist doch gar nicht möglich!" "Macht ihr da Pausen, oder lauft ihr einfach immer weiter? "Und in der Nacht, wenn ihr müde werdet, wie lange schlaft ihr denn da?" "24h laufen am Stück, das geht doch nicht!" "Völlig verrückt - das gibt es doch nur im Motorsport" So oder so ähnlich lauteten im Vorfeld die Kommentare der Nichtläufer, wenn ich von meinem Plan, beim 24h Lauf im Köln 160 km zu laufen, berichtete. Da ich diese unverständigen Reaktionen seit Jahren kenne, war der Kreis der Eingeweihten verhältnismäßig klein. Auch die Reaktionen meiner Lauffreunde waren zurückhaltend, wenngleich viel neugieriger. Auf langen Trainingsläufen malte ich mir zusammen mit Gerhard, Guido und Willy immer wieder aus, wie man sich bei einem 24-h Lauf fühlt und wie das Ziel dabei 160 km zu erreichen strategisch anzugehen wäre. Wolfgang, der schnellste aus meinem Umfeld, befürchtet, daß ihn die Teilnahme an einem Ultra auf den kürzeren Strecken langsamer machen würde. Auf den ersten 30 km der Trainingsläufe kam ich beim Thema 24h immer in einen euphorischen Zustand. Da ich schon 5 mal in Biel die 100 km geschafft hatte, zum letzten Mal bei strömendem Regen gemeinsam mit Gerhard, in einer Zeit knapp unter 11 Stunden ankam, sollte es theoretisch relativ einfach sein, dann nach 100 Kilometern "einfach" noch mal langsame 60 km draufzupacken. Bei km 60, kurz vor dem Ziel der in der ersten Jahreshälfte 2001 durchgeführten 5 langen Trainingsläufe, sah das dann alles krass anders aus. Von Euphorie keine Spur mehr. Im erschöpften Zustand war an einen lustvollen 24er nicht mehr zu denken. 100 km, ja das ist im Endeffekt zwar viel entspannender als ein Marathon am Rande der Bestzeit. Wie es aber jenseits der Hundertermarke weitergeht, das entzog sich unserer Vorstellungskraft. Da half auch Biel nicht weiter. Im Ziel hätte ich mir bisher nicht vorstellen können in den verbleibenden 12 bis 13 Stunden noch mal 60 km draufzusatteln. Trotz einiger zaghafter Werbeversuche ließ sich niemand aus meinem läuferischen Umfeld darauf ein, in Köln mitzulaufen.

Zusammen mit meiner nichtlaufenden Frau reiste ich am Vortag an. Im Gepäck als wichtigstes eine Mail mit einer Marschtabelle von Stephan ???, der mir zusätzlich wertvolle Tipps zur Strategie und Zeiteinteilung bei einem 24h-Lauf gemailt hatte. Das, was er schrieb, wirke sehr durchdacht und überzeugend. Genau das richtige, was ich zur Bewältigung des 160 km -Ziels und zur Beruhigung meiner aufgekrazten Nerven brauchte. Nervös war ich vor allem, da ich mich am Mittwoch vor den Lauf beim Tauchen verletzt hatte. Bei der "videogerechten" Rolle rückwärts über die Bordwand hatte ich mir die rechte Wade schmerzhaft geprellt. Am Donnerstag konnte ich nur unbeholfen humpeln. An Trainingsläufe war vor dem Start nicht mehr zu denken. Das weitere Einlaufen der neuen Schuhe konnte ich vergessen. Um am Samstag vor dem Start nicht nach dem Lauf suchen zu müssen, besuchten wir die Strecke schon Freitags abends. Eindrucksvoll gleichmäßig zogen die 48h-Läufer ihre Bahnen. Plötzlich erkannte ich Stephan ??, den ich bisher nur von seiner großartigen Homepage aus dem Internet kannte. Von seinen Hüftbeschwerden, in denen er in seiner Mail schrieb, war glücklicherweise nichts zu sehen. Ich grüßte ihn und bedankte mich nochmal für die konkreten Tipps. Als nächstes suchte ich das Sanitätszelt auf. Ich hatte die Hoffnung, daß der Doc etwas gegen meine immer noch schmerzende Prellung der rechten Wade machen könnte. In der Nähe des Sanitätszeltes traf ich ein bekanntes Gesicht. Ein Läufer saß am einem Biertisch und unterhielt sich angeregt. Ich hatte ihn vor einigen Monaten an der Bushaltestelle vor meiner Heidelberger Haustür getroffen, wo er mich nach dem Weg nach Leimen fragte und wissen wollte ob man dorthin auch zu Fuß gehen könne. Ich erklärte ihm die Markierungen für die schöne Strecke, als er jedoch realisierte, daß es sich um einen Halbmarathon handelte, war er mehr an der günstigsten Busverbindung interessiert. Logisch, denn in Leimen wollte er sich in einem Fitnessstudio austoben und dann auch wieder zurück nach Ziegelhausen. Die gemeinsame Busfahrt, bei der sich Horst als begeisteter Läufer und Masseur zu erkennen gab, war sehr unterhaltsam (New York usw.). Zurück nach Köln. Als ich Horst erzählte, wie mich die Wade quält, drückte er wie wild auf meinem Arm herum und fragte dauernd, ob das weh tut, was ich verneinte. Plötzlich fand er einen sehr schmerzhaften Punkt. Dort sollte ich immer mal wieder kräftig drücken. Die Wade würde sich dann erholen. Ich war von der unerwarteten Behandlungsstrategie so überrascht, daß ich völlig vergaß zu fragen, ob diese Methode auch hilft, wenn man nicht an sie glaubt. Zusammen mit meiner Frau Elke und ihrer Freundin Petra ging es dann zu einem Italiener zur individuellen Pastaparty mit Rotwein. Die Nacht war dementsprechend ruhig. Am morgen holte ich Brötchen und die Frauen gingen zum Einkauf. Ich setzte meinen Schlaf nach dem Frühstück fort und wir trafen völlig abgehetzt erst eine halbe Stunde vor dem Start bei der Startnummernausgabe ein. Was war geschehen? Ich hatte meine drei liebsten Laufhosen in Heidelberg vergessen. Nach langen strategischen Überlegungen und weniger effektvollen Flüchen startete ich in einer frischgenähten halblangen "Funktions"-unterhose und einer schrecklich bunten nach einem 10 km Lauf bei der Tombola gewonnenen kurzen Laufhose darüber. Naja es ging ja um einen Lauf- und nicht um einen Schönheitswettbewerb.

Um 13 Uhr wurden wir am Samstag auf die Strecke geschickt. Relativ schnell hatte es sich gleichmäßig eingeregnet. Die ersten 50 km zogen wir in strömendem Regen unsere Runden. Immer wieder hörte man: das ist ja wie in Biel. Je nach Intensität des Regens lief ich mit oder ohne Brille. In einigen kurzen Gesprächen checkte ich nochmal meine / Stephans Marschtabelle. Ich vermied es, länger als eine halbe Runde mit jemanden zu laufen, da mich Stephan in seiner Strategiemail auf die Bedeutung des eigenen Tempos nochmal besonders hingewiesen hatte. In Biel hatte ich mich immer wieder gerne mit einem Mitläufer unterhalten, hier in Köln wurde die Kommunikation dem Ziel 160 km zu erreichen, untergeordnet. Bei km 60 hatte zwar der Regen aufgehört, aber die ganze Sache machte im Vergleich zu Biel keinen Spass. Der Rücken und die Füße schmerzten. Ich dachte intensiv über das Aufgeben nach. Demoralisierend war vor allem die starke Neigung des mit Waschbettonplatten gepflasterten Weges. Durch die Richtungsänderung nach 6 Stunden mußte ich nun so laufen, daß mein kürzeres linkes Bein durch das Gefälle nach links stark beansprucht wurde. Der untere Teil meiner Wirbelsäule tat weh und auch das Illiotibialband am linken Knie (meine orthopädische Schwachstelle) meldete sich schmerzhaft. Bei km 80 beschloß ich, dem ganzen ein Ende zu machen. Per Handy informierte ich Elke von meinem schlechten Zustand und daß ich vermutlich bei km 100 aussteige und sie mich dann abholen soll. Da die 160 km nicht mehr erreichbar erschienen und es auf die Zeit für die 100 km nicht ankam, beschloß ich, einen Arztbesuch einzulegen. Nach drei Runden à 1,5 km hatte der Zeit für mich. Nach einer ähnlich überraschenden Untersuchungsmethodik (Meine Kollegen aus der Schulmedizin würden das, was ich hier bei dir mache, vermutlich als Woodo bezeichnen) wie die von Horst, erklärte mir der Arzt, daß meine starken Rückenschmerzen mit Darmparasiten in Verbindung stehen würden. Er renkte mir die Wirbel wieder ein und schickte mich mit einigen Kügelchen im Bauch wieder auf die Strecke. Auch wenn ich nicht so recht an die Erklärungen (Energiefelder usw.) glaubte, es ging mir nach der Behandlung wieder viel besser. Nach 12 Stunden hatte ich die 100 km erreicht und wechselte zur Belohnung die nassen gegen trockenen Strümpfe (Auch ein Tipp von Stephan.)

Die Theorie war ab jetzt relativ einfach. Wenn ich in jeder Stunde genau 5 km laufe, geht das Ziel mit den 160 km in Ordnung. Da die Rückenschmerzen wieder stärker wurden, ging ich nochmal zum Arzt. Diesmal war es ein anderer, der auch mit Kügelchen, jedoch leider nicht mit Einrenken arbeitete. Doch auch nach dieser kurzen Pause ging es wieder gut weiter. Für die 1,5 km lange Runde brauchte ich jeweils 12 Minuten. In jeder Stunde waren damit theoretisch 7,5 km möglich. Weit mehr als Stephans Plan vorsah. Um ein Uhr in der Nacht gab es nochmal ein frustrierendes Erlebnis. Ich freute mich schon die ganze Zeit auf einen Richtungswechsel, bei dem mein längeres Bein wieder auf die richtige Seite darf. Doch ich hatte das Reglement nicht richtig gelesen. In der Nacht gab es keinen Richtungswechsel. Ich mußte bis um 7 Uhr in der Frühe warten. Ich redete einige Zeit auf die Rundenzähler ein aber sie ließen sich von mir nicht von der orthopädischen Sinnhaftigkeit des Richtungswechsels überzeugen. An dieser Stelle möchte ich mich nochmal bei der Rundenzählerin entschuldigen, die ich in meiner Enttäuschung dumm angelabert hatte. Es war nicht persönlich gemeint. Der körperliche Schmerz war einfach zu groß.

Um 7 Uhr und einige Arztbesuche später erwartete ich den Richtungswechsel zusammen mit Hans-Peter aus Berlin auf einer Bank in Zählbereich sitzend. Das Laufen ging automatisch, aber ohne jede Lust und Spaß. Es war einfach sehr anstrengend. Viel heftiger als ich es mir im Vorfeld vorgestellt hatte. Wenn ich nicht ziemlich sicher gewusst hätte, daß die 160 km in greifbarer Nähe liegen und ich einfach nur noch stur weiterlaufen musste, wäre ich vermutlich ausgestiegen. Wenigstens hatte es in der Nacht nicht mehr geregnet und durch den heraufziehenden neuen Tag kamen die Lebensgeister ebenso zurück wie viele derjenigen Läufer, die sich für einige Zeit in der Nacht eine Schlafpause gönnten. Richtig gut wurde es um 9 Uhr, denn da rief mich Elke an und kündigte an, daß sie mit Petra nach dem Frühstück zu uns an die Laufstrecke kommen würde. Irgendwann drückte man mir eine Fahne in die Hand, mit der ich die Runde lief, an deren Ende ich 150 km zusammenhatte. Viele Mitläufer gratulierten mir auf dieser Ehrenrunde. Ich war emotional so aufgekratzt, daß ich die Freudentränen nicht mehr zurückhalten konnte. Allein diese Runde war vermutlich die gesamte Anstrengung wert.

So gegen 11 waren Elke und Petra dann da und feuerten uns an. Um 11:30 hatte ich endlich die 160 km geschafft. An der Markierung führte ich humpelnd einen kurzen Freudentanz auf. 50 Meter dahinter setzte ich mich mit Elke auf eine Bank. Den Kopf auf ihren Schoß gebettet und die Füße zur Entlastung der Wirbelsäule auf die Lehne der Bank gelegt entspannte und erholte ich mich für eine Stunde. Viele Mitläufer forderten mich auf, weiterzulaufen doch dazu hatte ich keine Motivation mehr. Ich hatte mein Ziel, die 160 km, erreicht und hätte für weitere Kilometer die liebevolle Nähe zu meiner Frau auflösen müssen. Ein schlechter Tausch. Nach einer Stunde erklärte ein Läufer, daß er mich nach der nächsten Runde beim Kuscheln ablösen würde. Ich sollte schon mal die Schuhe anziehen. Als er dann wieder kam, wollte er jedoch doch nicht auf die weiteren Kilometer verzichten. Auch Stephan kam mehrfach an uns vorbei und gratulierte zu den erreichten 160 km, an denen er selber einigen Anteil hatte.

Die letzte halbe Stunde ging ich nochmal ins Rennen. Da ich gut erholt war, wirklich richtig schnell. Fast 6 km legte ich noch drauf. Für die letzte Runde benötigte ich nur etwas über 7 min. Mehr als doppelt so schnell wie die langsamste Runde des Rennens. Nach 24 h hatte ich 165,978 km erreicht. Der 9. Platz der Männer und der 6. Platz der Hauptklasse. Zum ersten Mal bekam ich für eine sportliche Leistung einen Pokal. Felix und Moritz, unsere 8 und 6 jährigen Jungs, waren nach meiner Heimkehr völlig begeistert.

Schon während des Laufes hatte ich beschlossen, dieses Jahr entgegen der bisherigen Planung keinen zweiten 24h-Lauf durchzuführen. Der 24-h Lauf wurde von mir als äquivalent der dreifachen Anstrengung von Biel empfunden. Echt hart. Viel anstrengender als meine bisherige größte läuferische Herausforderung der Swiss-Juramarathon von Genf nach Basel (320 km Etappenlauf in einer Woche). Die 180 km in 24 h, die ich als nächstes langes Ziel ansteuern möchte, benötigen eine intensivere Vorbereitung. Ich bin gespannt, wie lange es dauert, bis mich diese Herausforderung lockt. Gleich nach dem Lauf lag das noch sehr fern. Jetzt, eine Woche später, hat sich schon wieder einiges an der Perspektive geändert. Die Erinnerung an die Schmerzen lässt nach. Die Freude über das Erreichte wächst. Irgendwann werde ich Stephan wieder um einen Plan bitten.

Andreas Ness, Juli 2001
ness@weisser-ness.de