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Bericht 24h-Lauf Delmenhorst 2006 – eine fast runde Runde-für-Runde-Sache im Park - Ultramarathon beim Steppenhahn (08.2006)
Norbert Madry , 22. August 2006

24h-Lauf Delmenhorst 2006 – eine fast runde Runde-für-Runde-Sache im Park

Fotos: Sigurd Dutz Bericht: Norbert Madry (& S. Dutz)

Die dritte Austragung des Delmenhorster Burginsellaufs brachte wiederum Rekordbeteiligung und neue Streckenrekorde. Was nicht überraschend ist, denn diese Benefizveranstaltung ist auch lauftechnisch prima organisiert. Nach jeweils knapp 1.5 km auf einer stimmungsvollen Strecke durch einen Park wird der Start-/Zielbereich mit den Verpflegungs- und Zählstationen durchlaufen, wo es über 24 Stunden reichlich Abwechslung allein durch die parallele Austragung der 24h-Staffelwettbewerbe gibt. In einer Staffel treten bis zu 10 LäuferInnen an, mit obligatorischem Stabwechsel nach jeder Runde: eine ebenfalls beeindruckende Ausdauerleistung!

Gleich für eine Handvoll von Startern war Delmenhorst die 24h-Premiere, was spätestens bei der Vorstellung der EinzelläuferInnen zu erfahren war. Insgesamt drängelten sich über 30 Ultras auf der kleinen Bühne des Start-Ziel-Jahrmarkts. Hier traten später auch Livebands auf. Moderiert und lauftechnisch organisiert inkl. bestenlistenfähiger Streckenvermessung wurde der Burginsellauf von Ernst-Ludwig Rittel, dem man den einstmals aktiveren Ultraläufer deutlich anmerkt.

Vor dem Start: Karl-Ludwig Rittel stellt Horst Preisler vor

Auch für mich war es der erste Versuch über die 24 Stunden. Im Vorfeld beraten wurde ich von niemand anderem als Sigi Dutz, Deutscher Meister 2002 und 2003 über diese Distanz mit einer Bestleistung von 236,5 km. Sigi hat sich dann sogar noch zu dem Angebot hinreissen lassen, mich nach Delmenhorst und wieder zurück nach Marburg zu fahren und vor allem: mich während des Laufes zu coachen. Da musste ich einfach zuschlagen, denn mit Sigis geballter Erfahrung vor Ort hätte ich natürlich einen unschätzbaren Vorteil – nicht unbedingt gegenüber meinen Mitstreitern, aber gegen mich selbst bzw. körperliche oder geistige Krisenphasen, die ja bekanntlich beim 24h-Lauf unausweichlich auf einen zurollen.

Sigi hat zusätzlich noch Fotos geschossen und ein paar Protokollnotizen zu Papier gebracht, die ich direkt in diesen Bericht eingebaut habe. Hier gleich die ersten:

>>Pünktlich um 12:00 Uhr ertönt das Startsignal zum 3. Delmenhorster 24-Stundenlauf. Einige alte Cracks der Ultraszene sind mit dabei. Manfred Ludwig, Christian Hottas, Horst Preisler und Jörg König, um nur einige zu nennen. Mit dabei aber auch der Marburger Dr. Norbert Madry. Ein erfahrener 100 km Läufer. Der 24-Stundenlauf ist aber noch Neuland für ihn.

13 Uhr: Von Anfang an setzt sich Rene Wallesch an die Spitze. Nach einer Stunde ist die Prognose für ihn 283 km. Das wäre fast Deutscher Rekord und es ist absehbar, dass dieses Tempo bei ca. 26°C nicht lange zu halten ist. Am Morgen gab es Nieselregen. Beim Start war es noch bewölkt, aber gegen 14:00 kam die Sonne immer stärker durch und die Läufer und Läuferinnen greifen immer häufiger nach den bereitgestellten Schwämmen.

14:19 Uhr: Norbert ist im vorderen Mittelfeld liegend gestürzt. Einfach so, ohne Fremdverschulden, bei bester Sicht. Das passiert später auch noch anderen Läufern. <<

Tja, mitten aus heiterem Himmel bin ich mit Ultraschlurfschritt an einem Steinchen hängengeblieben. Die Steine auf dem Parkweg und an einer Stelle Unebenheiten in der Asphaltdecke (Baumwurzeln) waren aber auch die einzigen Schwachstellen des Rundkurses – ansonsten einfach schön und fast völlig flach. Die Wurzelstelle kam etwa 20 Meter vor der „Bergwertung“ (stand auf dem Schild) – aber das war vielleicht gerade ein einziger Höhenmeter.

Nach meinem Sturz fand ich relativ schnell wieder den gewünschten Rhythmus. Ausser ein paar Schürfwunden keine Beeinträchtigung, gottseidank. Neben den wenigen Tücken der Strecke und einem gelegentlichen Blick auf die Pulsuhr konnte ich mich ansonsten voll meinen MitläuferInnen widmen: ernste Gespräche, Flachsereien, Austausch von Lauferfahrungen und was halt so bei Ultras üblich ist. Die aktuelle Rangfolge interessierte mich dagegen nicht – und durfte es auch nicht (strikte Anweisung vom Coach…)

In den ersten Stunden war hinter Rene Wallesch auch Volker Steuer vorn mit dabei; bei den Frauen musste die zunächst führende Barbara Mönnichs bereits nach 17 Runden oder 25 km passen. Barbara Becker setzte sich nach 5 Stunden erstmals von Heike Groenwoldt ab und baute vor allem in der Dunkelheit den Vorsprung auf weit über 10 km aus.

Spätnachmittags im Park

Wieder Sigi:

>> 19:00 Uhr: Norbert liegt hinter Alfred Schwarz und Rene Wallesch auf dem 3ten Rang. Er läuft gleichmäSSig seine Runden und bleibt unter der Herzfrequenz von 130.

20:00 Uhr: Norbert ist an Rene vorbeigegangen und liegt in der gleichen Runde, 8 Min hinter Alfred Schwarz an 2ter Stelle. Norbert hat jetzt 51 Runden (75,4 km) und soll langsamer laufen. <<

Langsamer laufen? Nichts leichter als das. Kurz vor 23 Uhr bekam ich dann die 100km-Fahne in die Hand gedrückt und viel Applaus von den Zählern. Jetzt rückte Sigi auch damit raus, dass ich an zweiter Stelle lag. Aber mehr als 100 km oder länger als 9 Stunden war ich noch nie an einem Stück gelaufen. Hier begann also nun wirklich unbetretenes Territorium für mich. Wieder Sigi:

>> 24:00 Uhr: Alle nehmen Tempo zurück. Norbert läuft 6 km/Std.

2:00 Uhr: Rene Wallesch 82 Runden, Schwarz 81 Runden, Norbert 82 Runden, er hat die Führung, da die Konkurrenten Pausen einlegten.

3:00 Uhr: Rene Wallesch 86 Runden, Schwarz 87 Runden Norbert 88 Runden (130 km)

4:00 Uhr: Schwarz 92 Runden Norbert 92 Runden, Jos Akkermans aus Holland 91 Runden. Jos versucht mit 200 km in den Holländischen Kader zu kommen.

4:40 Uhr: Norbert hat Adduktorenprobleme. Alfred Schwarz hat wieder die Führung übernommen. Jos kommt mächtig auf und geht auch an Norbert vorbei.

5:00 Uhr: Alfred Schwarz 97 Runden Norbert 96 Runden und es geht wieder besser, Jos 96 Runden

6:00 Uhr: Alfred 102 Runden Norbert 101 Runden kurz vor seinen 150 km, die 150km-Fahne will er aber nicht herumschleppen. Jos hat seinen Versuch aufgegeben, 96 Runden <<

Kurzprotokoll einer Nacht, die ich ähnlich wie meine beiden 100km-Nachtläufe in Biel und Marburg sehr gut in Erinnerung behalten werde. Während der schwärzesten Nachtstunden hatte ich zwar die Führung inne, aber musste gleichzeitig auch jede Menge Tiefpunkte durchlaufen. Gegen zwei Uhr bin ich eine Runde gegangen, und gut 2 Stunden später fühlte ich mich zu zwei weiteren kompletten Gehrunden gezwungen. Jetzt war Sigis Beistand wirklich Gold wert: „klar kommen jetzt Wehwehchen, aber pass auf – die gehen auch wieder“. Und tatsächlich war ich dann morgens kurz vor sechs wieder sehr gut drauf. Ich drehte meine Runden bei Tageslicht nun wieder in einem Tempo, das mich optimistisch auf mindestens 195 km schliessen liess. Die Laune war blendend, nach minimalen Wortwechseln in der Nacht konnte ich wieder scherzen. Klar tat mir irgendwie alles weh, aber das letzte Viertel würde ich schon mit 7- 8 km/h hinkriegen…

Kurz vor 6 bei den Zählern und stolz wie Oskar

Nur eine halbe Stunde später war es dann aber recht plötzlich vorbei. Von zwei Mitläufern wurde ich auf eine anatomische Unwucht aufmerksam gemacht: die rechte Wade war stark geschwollen und an zwei Stellen seeehr rot. Hatte ich bei meiner allgemeinen Erschöpfung gar nicht so genau registriert. Aber nachdem ich den Schaden erst einmal gesehen hatte, spürte ich ziemlich schnell auch den zugehörigen Schmerz „unten rechts“. Wieder Sigi:

>> 6:35 Uhr: Der rechte Unterschenkel ist rot und doppelt so dick

7:12 Uhr: Norbert hat für 1 Runde 37 Min benötigt. Es geht nicht mehr. Diagnose: Muskelfaserriss. <<

Ab jetzt durfte ich also den Burginsellauf aus der reinen Zuschauerperspektive geniessen. Zunächst brauchte ich zur wirklich nahe gelegenen Dusche unendlich lange….Aber zurück an der Strecke in Sigis Campingstuhl konnte ich dann all meine Mitstreiter der letzten 19 Stunden beobachten und anfeuern. Und Mitleidsbekundungen in Empfang nehmen. Auch wenn wir alle verdammte Individualisten sind, so ein Ultralauf schmiedet doch ganz schön zusammen. Einige, wie Harald Ehlers alias „der fiese Friese“ oder Jürgen Schmicker, der „Kilometersammler“, liessen sich auch mal für längere Zeit bei Sigi und mir nieder. Die beiden debütierten hier ebenfalls über die 24 Stunden. Trösten und getröstet werden…Und dann liefen sie weiter.

Nach meinem Ausfall war Alfred Schwarz zunächst klar in Führung; inzwischen hatte sich Manfred Ludwig, der erst 3 Wochen vorher in Reichenbach souverän seine M65 gewonnen und den 6. Gesamtplatz bei der 24h-DUV-Meisterschaft belegt hatte, auf Rang 2 vorgeschoben. Er hatte seinen Rückstand zu Alfred nach 20 Stunden von 9 auf 5 Runden verkürzt. Manfred kam immer stärker auf – dank seiner Erfahrung lief er die stärkste Schlussphase von allen. Bis auf 2 ½ Runden oder knapp 4 km ist er Alfred noch auf den Pelz gerückt. Dritter wurde Jos Akkermans, der die letzten 6 Stunden praktisch im gleichen Tempo wie Alfred, aber im höflichen Abstand von 9 km lief. Auch Barbara Becker hielt bei den Frauen den Vorsprung zu Heike Groenwoldt fast konstant und gewann sicher.

In der letzten Stunde ab 11 Uhr kam dann auf und neben der Strecke noch einmal richtig Hochstimmung auf: jede und jeder, egal Staffel- oder Einzelläufer, wurde bei jedem Durchlauf frenetisch bejubelt, und fast alle konnten ihr Tempo tatsächlich steigern. Bei dieser Euphorie hab ich mich dann auch noch mal hochgerappelt und bin ganz vorsichtig und ehrerbietig eine Abschiedsrunde gegangen oder besser gehumpelt.

Die anschliessende Siegerehrung wurde recht zügig und trotzdem würdig durchgeführt. Ein perfektes Ende einer durch und durch empfehlenswerten Veranstaltung.

Danke, Sigi, danke an die Veranstalter und Helfer, danke an meine MitstreiterInnen, die mich ausserdem mit hilfreichen Ratschlägen zur Wiedergenesung versorgt haben (und nach 4 Wochen war auch „unten rechts“ alles wieder im Lot).

Mehr Infos, Fotos und exakte Ergebnisse etc. auf der Internetseite des Burginsellaufs www.24-lauf.de.


© Norbert Madry, 22. August 2006

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