Zufälliges Zitat

"Jetzt ist eine ganz andere Landschaft"

Friedemann Hecke beim 6-Tage-Bahnlauf-Richtungswechsel

Nächster Ultramarathon

La Transe GauleLa Transe Gaule 2001
de la Manche à la Méditerranée
(vom Kanal ans Mittelmeer)

erlebt und erzählt von Martin Wagen (mwagen@web.de)

Die "Transe Gaule" ist ein Ultra-Marathon mit Start in Roscoff (Bretagne) und Ziel in Narbonne-Plage (Mittelmeer) und führt über 18 Tagesetappen und 1145 km quer durch Frankreich. Die Etappen sind zwischen 49 und 78 km lang und verlaufen meistens über kleinere Nebenstrassen mit mehr oder weniger Autoverkehr. Dieses Jahr wurde der Lauf das erste Mal durchgeführt.

Am 30. August ging es endlich los! Mit Camelback, Hut und ein paar Getreideriegel bewaffnet, stand ich nervös und erwartungsvoll am Start beim Leuchtturm von Roscoff. Neben mir 14 Kollegen, die offensichtlich das gleiche vorhatten. 12 kamen aus Frankreich selbst, David aus London und der älteste und erfahrenste aus Texas. Don (Donald Winkley) ist ein 64jähriger Veteran, der unzählige Ultras von 100 Kilometer bis 1000-Meilen bestritten hat. Darunter auch die TransAmerica 1995. Jacques Martin ist auch mit von der Partie. Er hat vor 20 Jahren als erster die Sahara laufend durchquert, 3300 km in 54 Tagen! Bernard ist mit Anatole am Start. Zwangsweise. Bernard hatte im Januar 1999 einen Unfall. Seither ist er auf Anatole angewiesen, Anatole ist sein Rollstuhl! Was für ein klasse Typ, dieser Bernard! Maurice, französischer Vice-Meister 1991 über 100 km, ist auch am Start, immer sympathisch und aufgestellt! Leider für alle Konkurrenten unerreichbar schnell, wie wir später feststellen mussten.

Endlich geht es los! Begleitet von ein paar Presseleuten und vielen Zuschauern geht es auf die lange Reise. Wir laufen zu Beginn alle zusammen und führen rege Diskussionen. Elle est si belle la Bretagne! Morlaix mit seinem Viadukt ist passiert und nach gut 5 ½ Stunden habe ich zusammen mit meinem Kollegen Eric die erste Etappe über 57 Km nach Huelgoat geschafft! Am Ziel werden wir mit Essen und Trinken reichlich belohnt.

Am zweiten Tag treffe ich wie vereinbart auf irgendeiner Landstrasse auf meine Eltern, die mir im Auto entgegenfahren. Von nun an habe ich eine tatkräftige Crew! Etwa die Hälfte der Läufer sind begleitet. Die anderen werden selbstverständlich ebenfalls von allen Helfern bzw. von den Organisatoren so gut als möglich betreut. Egoismus gibt es nicht. Wir sind eine Familie, die Rangliste ist nicht so wichtig. Auch mir wird ständig Verpflegung angeboten und immer wieder werde ich mit Anfeuerungsrufen aufgemuntert.

Die ersten Etappen sind natürlich problemlos. Ab dem 8. Tag fangen aber auch bei mir die Probleme an. Erst der rechte Fuss, dann auch der andere. Ca. 15 cm über dem Knöchel auf der Vorderseite des Beines schmerzt die Sehne, die den Fuss streckt. Ausnahmslos alle Läufer haben Probleme! Manche trifft es noch viel härter: sie haben Blasen, Schmerzen im Knie, Zerrungen... Ich hatte das Glück, während den 18 Tagen immer weiterlaufen zu können, wenn auch teilweise mit starken Schmerzen und diversen Pausen. Am Abend sieht es bei uns jeweils wie in einem Lazarett aus. Jeder hat seine Eisbeutel montiert. Es wird gedehnt, gesalbt, massiert... 3 Kollegen haben leider in den ersten 4 Tagen aufgeben müssen. Die Probleme wurden zu gross oder das Zeitlimit von 5.5 km/h, die sogenannte Cutoff-Time, wurde überschritten. Bernard II leider noch auf der 12 Etappe! Er war natürlich besonders deprimiert, wird aber im nächsten Jahr einen neuen Versuch wagen und das Rennen mit Sicherheit erfolgreich abschliessen!

Geschlafen haben wir in Turnhallen/Mehrzweckhallen der jeweiligen Ortschaft. Meistens waren diese in einem sehr "bescheidenen" Zustand. Aber im eigenen Schlafsack war die Welt dann bis zum Start (zwischen 7 und 8 Uhr morgens) wieder in Ordnung. Das Nachtessen wurde von der Organisation alle 2 Tage offeriert (Catering-Service bzw. Restaurant) und war absolute spitzenklasse! Kann man in Frankreich schlecht essen??? Die übrigen Abende liess ich mich entweder von meinen Eltern pastatechnisch verwöhnen oder die Transe-Gaule-Equipe traf sich in irgendeinem Restaurant.

Wenn wir schon bei Superlativen sind: Die Organisation durch Phare-West Organisation, namentlich durch Jean-Benoît Jaouen und Christophe Rochotte war rundum klasse! Ein sehr detailliertes Roadbook, perfekte Streckenmarkierungen mit Pfeilen und Plastikbändern sind nur einige der positiven Punkte. Negatives fällt mir eigentlich nicht ein. Höchstens vielleicht die manchmal sehr bescheidenen sanitären Einrichtungen in den Turnhallen. Aber duschen und schlafen konnten wir immer problemlos!

Nach der wunderschönen Bretagne geht es auf der 6. Etappe über die Loire, danach durch endlose Weinberge, "Alpenlandschaften" mit unzähligen Kühen am Wegrand. Wir kratzen ein wenig am "Massif Central", bestaunen von weitem die Vulkane von Auvergne und lassen uns vor dem Markierungs-Schild "1000ème kilomètre" auf der 16. Etappe fotografieren. Nur noch gut zwei Etappen und 145 Kilometer, dann gehen wir auf Sand! Die 17. Etappe ist etwas für die Kletterer. Es geht während den 73 Kilometern über 4 Pässe von maximal 1002 Meter ü.M. Normalerweise kein Problem für einen Schweizer. Aber mit 1000 Kilometern in den Beinen bzw. Füssen ist dies trotzdem harte Arbeit...

Und dann endlich: die 18. und letzte Etappe! Nochmals 70 Kilos, aber es geht mehrheitlich bergab. Das Rennen wird in Narbonne vor der bekannten Kathedrale kurz unterbrochen und wir laufen mehr oder weniger gemeinsam die letzten 17 Kilometer nach Narbonne-Plage. Auf diesen letzten Metern haben wir sogar eine Polizei-Eskorte! Ich laufe mit Gérard. Er hat sehr grosse Probleme und ist sehr froh über meine Unterstützung auf den letzten Metern. So erreichen wir nach 18 Tagen und langen 1145 Kilometern überglücklich und zufrieden den Sandstrand von Narbonne-Plage. So gefreut über den Anblick des Mittelmeeres habe ich mich seit meiner Kindheit nicht mehr!

Unglaubliches Gefühl! Wir haben es geschafft! Zeit und Rang sind längst unwichtig geworden. Was ausschliesslich zählt ist das Ankommen und das klasse Gruppengefühl! Trotzdem gibt es eine kleine Preisverteilung inklusive Gruppenfoto und natürlich den obligaten Empfang durch den Bürgermeister. Er hat für jeden eine Jumbo-Flasche lokalen Wein parat! Später am Abend gibt es eine kleine Feier in Form eines klasse Abendessens. Zu trinken gibt es heute kein Isostar mehr, es werden andere Flaschen gereicht. Für die Disco oder andere nächtliche Ausflüge fehlen uns dann aber doch die frischen Beine...

Martin, Eric und Jacques

Ich habe Freunde gewonnen und viel gelernt! Nicht nur über das Laufen, auch über mich selbst. Ich hatte auch viel Zeit zum nachdenken. Aber viele der Gefühle kann man nicht in Worte fassen.

Abschliessend möchte ich mich bei meinen "Mitläufern" inklusive Crews und bei den beiden Organisatoren Christophe und Jean-Benoît bedanken. Vor allem aber natürlich bei meinen Eltern! Sie alle haben mir 18 unvergessliche Tage ermöglicht! Hat für mich schlussendlich doch mehr gebracht, als 2 ½ Wochen irgendwo an einem Strand zu liegen...

Die 2. Ausgabe der Transe Gaule findet übrigens im nächsten Jahr vom 28. August bis 14. September statt (www.yanoo.net / transegaule@yahoo.fr). Als ideale Vorbereitung kann ich den Swiss Jura Marathon empfehlen, 7 Tage über 323 km von Genf nach Basel (www.swissjuramarathon.ch).


Martin Wagen, Oktober 2001
mwagen@web.de


Weitere Infos zum La Transe Gaule und zum Swiss Jura Marathon

Peter Koenig hat seinen Bericht zu dem Lauf bei Blaikie:
http://www.ultramarathonworld.com/uw_archive/n30se01i.html

Und dann gibt es auch noch eine Ergebnisliste:
La Transe Gaule Footrace (714 miles / 1148,8km)
Race Across France
Roscoff-to-Narbonne-Plage, France
30 August 2001-07 September 2001

Name                             Zeit   km/h
Bernard Grojean               84.53.49   13,53
Maurice Mondon                96.15.46   11,93
Dominique Provost            107.33.26   10,68
Luc Dumont-Saint-Priest      114.43.45   10,01
Martin Wagen (SUI)           122.27.46    9,38
Jacques Martin               127.28.07    9,01
Eric Deivaz                  134.19.34    8,55
David Sill (GBR)             149.46.22    7,67
Donald Winkley (USA)         156.11.43    7,35
Gerard Poirot                162.04.59    7,09
Daniel Muller                162.56.51    7,05