Zufälliges Zitat

"Wenn Laufen das einzige Ziel wäre würden wir viele unvergessliche Momente versäumen"

Jean-Claude Le Cornec, Organisator Foulees de la Soie

Nächster Ultramarathon

Ilona Schlegel , 22. Juni 2003

Die Rückkehr der Dilledöppchen: Schlaflos in Scharnebeck 2003

... lautete der Aufdruck des Team-T-Shirts für die Deutschen Meisterschaften im 24-Stundenlauf (die dann doch international waren, aber das ist eine andere Geschichte). Und damit ist auch schon zum Ausdruck gebracht, was man zunächst nicht vermutet: der 24-Stundenlauf für EinzelläuferInnen ist eigentlich eine Mannschaftsdisziplin. Zumindest für diejenigen, die psychisch und mental zu labil sind, um die 24 Stunden allein durchzustehen (so wie ich). Die brauchen nämlich Betreuung und das in vielfältiger Hinsicht:

  • Um im Vorfeld die Befindlichkeiten mitteilen zu können,
  • um sich Zuspruch gegen Selbstzweifel zu holen (klar schaffst Du das),
  • um 24 Stunden optimal verpflegt zu werden (das Steak in der nächsten Runde bitte medium und die Kroketten nicht zu cross...),
  • um menschliches Mitgefühl in den Krisen des Wettkampfs zu erfahren (sind doch nur noch 11 Stunden),
  • um abwechslungsreiche Unterhaltung an der Strecke zu haben (politisch gesehen steht die Wäscherprinzessin ja höher als die Bonna),
  • um die Impressionen des Laufes mitteilen zu können (ich will nach hause),
  • um den inneren Schweinehund niederzuringen (stell Dich nicht so an),
  • um am Ende des Rennens einen Stuhl und ein Getränk nach Wahl zu haben,
  • um hinterher sicher zurücktransportiert zu werden,
  • um sich feiern zu lassen (die 200 hättest Du aber schon laufen können).

Das Betreuerteam muss also nachtbeständig, wetterfest, psychologisch gut geschult (Lämmle life war Pflicht in der Vorbereitungszeit), hart im Nehmen, konditionsstark, improvisationsfreudig und gut im Kochen sein (möchtest Du den Haferschleim gerührt oder geschüttelt?). Die Auswahl erfordert also entweder ein dreimonatiges Auswahlverfahren oder einfach Glück. Und das hatte ich, denn Wiltrut war unvorsichtig genug, nach dem 24-Stunden-Debut in Apeldoorn zu äußern: „Das nächste Mal will ich aber richtig betreuen.“ Und was sollte Elke schließlich allein zu hause... Also fuhren wir zu dritt am Freitag, den 13. (!) Juni nach Scharnebeck. Dort ließ sich die Laufveranstaltung nur an den Fähnchen über der Straße erahnen. Unser Quartier war absolut perfekt: eine schöne Ferienwohnung direkt an der Laufstrecke, und durch den Garten konnte man direkt in den Bereich gehen, wo die Betreuungszelte standen. Als wir am Nachmittag ankamen, schlugen aber nur sehr vereinzelt Teilnehmer ihr Lager auf. Immerhin waren wir richtig und ließen uns versichern, dass wir am richtigen Platz für den Aufbau des Betreuungszeltes waren. Dann kam der Organisator und begrüßte uns in Scharnebeck. Die Frau, vor deren Haus wir campierten bot uns Strom und Wasser an und fragte, ob Interesse an einer Pastaparty besteht. Das bestand natürlich, und so wurden um 19:00 Uhr Tische und Stühle aufgebaut. Erst kamen vereinzelt die Läufer und Läuferinnen, dann immer mehr Einheimische, und jeder brachte einen Topf Nudeln oder Soße mit. So saßen alle draußen, die Scharnebecker versorgten sich mit Sekt und Bier, wir versorgten uns primär mit Kohlenhydraten. Dieser gute Anfang war symptomatisch für die Veranstaltung, die ihren Charme in der rührigen Ausrichtung hatte: der ganze Ort schien irgendwie beteiligt und die Stimmung war persönlich und sehr herzlich.

Am Samstag wurden dann die betroffenen Straßen über 1.505 Meter zur Laufstrecke gestaltet. Die Zahl der Zelte an der Strecke erhöhte sich, im Start-Ziel-Bereich, wo die Staffeln wechselten herrschte reges Treiben. Die Wagen der Rundenzähler wurden aufgestellt, und schließlich fiel um 14:00 Uhr der Startschuss. Die Runde war als Quaree mit zwei längeren Geraden erstaunlich kurzweilig: einem belebten Startbereich mit Staffeln, Musik, Rundenzählern, Verpflegungszone und der kleinen Zeltstadt der Betreuer folgte ein Rechtsknick und eine ruhige Gegengerade durch Wohngebiet. Zwei große Steine am Beginn der paar Meter Wiese über die man laufen musste, waren noch kurz vorher mit weißer Farbe gestrichen worden, wie zu riechen was. Ein Beweis, wie durchdacht Veranstalter (80% der Einwohner Scharnebecks dürften involviert sein) seinen Lauf ausrichtete. Das Wetter war ein Mix aus Wolken und Sonne bei maximal 24 Grad. Das sind nach Wochen mit über 30 Grad optimale Bedingungen.

Ilona Schlegel bei der Dixie-BesichtigungZunächst heißt es natürlich, ins Rennen finden und die Zeit vergehen lassen. Der Discjockey weist nach drei gelaufenen Stunden darauf hin, dass nur noch 21 Stunden zu laufen sind. Er sitzt sicher in einem kleinen Häuschen und kann sich den üblen Scherz leisten. Immerhin ist die Musik gut. Direkt von Anfang fällt mir eine Katze auf, die auf der Gegengeraden vor einem Haus in der Sonne liegt. Sie kehrt der Laufveranstaltung zwar den Rücken zu, ist aber bis auf nachts immer dabei und somit die treuste Zuschauerin. Ich beschäftige Elke und Wiltrut mit Getränkewünschen, meistens Apfelschorle für die nächste Runde. Sie laufen dann ein Stück mit mir, und so vergehen die ersten Stunden erfreulich schnell.

Es wird Abend und damit Zeit für den ersten Haferschleim. Die Frage der Zubereitung hatte uns im Vorfeld ziemlich beschäftigt: welche Haferflocken am besten geeignet sind, welche Konsistenz der Schleim haben muss usw. Die Wahl fiel schließlich auf Instantflocken, weil sie sich direkt auflösen. Zur vereinfachten Zufuhr bekam ich eine Schnabeltasse geschenkt (Du weißt, dass Du alt bist, wenn Deine Geburtstagsgeschenke aus dem Sanitätshaus kommen). Die Haferschleimversorgung klappt von Anfang an perfekt, die Bestellung ist schon nach einer Runde trinkfertig. Alle Geschmacksvarianten von Natur über salzig, natur, süß und mit Honig werde ich während des Rennens zu mir nehmen.

Am Abend hat sich in einer Seitenstraße auch eine natürlich Wegabsperrung aufgebaut: Anwohner haben Tische und Stühle an die Strecke gestellt und feiern ihre Samstagabendparty. Schließlich kommt die Dunkelheit. Gegen 23 Uhr beginnt die kurze Nacht. Die harten Stunden sind nun angebrochen. Es wird ruhiger an der Strecke, es wird ruhiger auf der Strecke. Der Laufrhythmus wird ruhiger, die Stimmung sinkt. Die gelaufenen Stunden werden spürbar, das Ende noch lange nicht. Ich frage mich, ob die 24 Stunden wirklich meine Strecke sind. Im Moment sind sie es jedenfalls ganz sicher nicht. Die Vorstellung bei gutem Verlauf im Oktober noch einmal bei den Europameisterschaften zu starten, ist alles andere als aufbauend. Dennoch laufe ich weiter – in der Gewissheit, dass dies nur das erste Zwischentief ist und es mir physisch noch ziemlich gut geht.

Ilona Schlegel und die RundenzählerInnenImmer wieder das Winken zu meinem Rundenzähler (alle vier Stunden gibt es frische Rundenzähler – und die machen in ihrem geschmückten Viehwaggon richtig toll Stimmung). Aus der Dunkelheit ruft mein Rundenzähler mir zu „60 Runden, Ilona“. Meine Laufuhr zeigt mir aber 61 beendete Runden an. Ich reklamiere, aber ich habe tatsächlich nur 60 Runden stehen. Normalerweise würde ich (Einzelkind) mich jetzt auf den Boden werfen, mit den Fäusten auf den Asphalt trommeln und schreien „Ich habe aber 61 Runden!“ Dazu fehlt mittlerweile aber die Kraft. Jedenfalls passt der Rundenirrtum ganz ausgezeichnet in meine miese Stimmung, und ich beschließe mich erst einmal sinnvoll mit einem Becher Brühe zu betrinken. Die Brühe die bereit steht, ist kalt. Die Helferin bietet mir für die nächste Runde warme an (es gibt sogar die Auswahl zwischen Hühner und Rinderbrühe – auch Kolrabis (?!) bietet das reichhaltige Verpflegungsprogramm), weil die Zubereitung ein paar Minuten dauert. In meiner Trotzphase warte ich aber sehr gern und setze mich auf einen Stuhl, obwohl ich die erste Hälfte durchlaufen wollte. Nach der Brühe beende ich meinen spontanen Sitzstreik und laufe zu Elke und Wiltrut. Es tut gut, die Sorgen über eine unterschlagene Runden weitergeben zu können, und meine Betreuerinnen bestätigen mir, dass ich 61 Runden vollendet habe. Die beiden wollten sich eigentlich gerade etwas Warmes zu essen holen, kommen jetzt aber richtig in Aufregung: Sie müssen ihre Rundenzettel kontrollieren (die Nachbarschaft wird auch einbezogen), mit der Wettkampfleitung diskutieren, noch mal kontrollieren. Irgendwann ruft mein Zähler mir zu „Ilona, das mit Deiner Runde ist geklärt.“ Voilà, ein kleiner Silberstreif in dem düsteren Horrorszenario.

Kilometer 100 liegt hinter mir, die Halbzeit ist vorüber, die Beine sind nicht mehr so richtig frisch und der Kopf weiß sehr genau, was er von einem 24 Stunden lauf zu halten hat, nämlich Abstand – nützt aber nichts, denn ich bin ja mitten drin. Der Magen fühlt sich irgendwie komisch an. Ich habe das Bedürfnis, irgendetwas zu mir zu nehmen, was gut tut, aber es gibt nichts, was noch schmecken würde. Trotzdem heißt es weiterlaufen, Runde für Runde, einem Ende entgegen, an das man noch gar nicht denken mag, weil der Weg dorthin so weit ist. Natürlich bringt jeder Schritt das Ende näher, doch jeder Schritt wird auch schwerer. Schön ist indessen der Vollmond, der als riesiger roter Ball an einer Stelle der Strecke sehr gut zu sehen ist. Vollkommen dunkel wird es in der Nach daher nicht. Dafür aber kühl. Elke berichtet von 12 Grad und ob ich mir nicht eine lange Hose anziehen will. Ich habe keine Lust zum Umziehen und friere nicht, aber als ich meine kalten Oberschenkel anfasse, weiß ich, dass es besser ist, die Lästigkeit des Kleidungswechsels auf mich zu nehmen (olfaktorisch ist dies natürlich noch begrüßenswerter, aber das ist mir noch gleichgültiger als manches andere, was vor dem Lauf wichtig schien). Elke und Wiltrut bieten sofort Hilfe beim Öffnen der Schuhe an, wie ein kleines Kind werde ich umgezogen, was aber wie das Wieder-loslaufen besser klappt als gedacht.

Schließlich ist auf der Gegengeraden schon um 3 Uhr das erste Morgenlicht zu sehen. Auch dies nehme ich eher nonchalant zur Kenntnis. Die Helligkeit kommt und auch die Sonne zeigt sich am Horizont. Das tut dem geschundenen Körper und der zermürbten Seele gut. Auf einmal finde ich die innere Kraft wieder, um für mich die Balladen aufzusagen, die ich zur Ablenkunkung auswendig gelernt habe (Die Vergeltung, Die Frauen von Nidden). Keine Ahnung warum, aber die Gedichte tun mir gut und nach dem Himmel erhellt sich auch die Psyche. Es läuft sogar wieder recht gut, aber natürlich handelt es sich nur um ein Zwischenhoch, denn um 8 Uhr ist es zwar taghell, aber noch immer liegen sechs Stunden vor uns.

Meine ursprüngliche Taktik, länger durchzulaufen als in Apeldoorn (nämlich 15 Stunden), bevor Gehpausen die Muskulatur und den Kopf entlasten, gebe ich auf Rat eines Ultraprofis (Sigi) auf. Lieber eine Runde gehen, solange man noch frisch ist, damit die Erholung für den Körper gewinnbringender ist. Tatsächlich tut mir die gegangene Runde gut, und ich komme danach überraschend gut wieder in den Laufrhythmus. Also versüßen Gehrunden nun die ungeheure Länge der Veranstaltung. Zunächst einmal die Stunde gehen, dann vier Runden laufen, eine Runde gehen, dann drei Runden laufen, eine Runde gehen, zwei Runden.... und als die letzten vier Stunden anbrechen, bin ich so zermürbt, dass ich es mehr als beachtlich finde, eine Runde zu laufen (was man in diesem Spätstadiums des laufenden Wahnsinns so laufen nennt...) und eine zu gehen.

Meine Betreuerinnen sind indessen mit intensiven Berechnungen beschäftigt und versuchen dezent darauf hinzuweisen, dass die 200 km drin sind, wenn ich es will. Im Klartext hieße das: „Schwing die Hufen und lass Dich nicht so hängen.“ Aber Wiltrut und Elke trauen sich nicht, richtig deutlich zu werden (quäl Dich, Du Sau), wer weiß, wie das betreute Objekt so nach 20 Stunden Laufen reagiert. Kann man da überhaupt noch an so etwas wie Verstand appellieren? Kann man schon, nützt aber nicht viel. Sigi rechnet mir vor, wie die 200 km drin sind.. etwas engagierten müsste ich gehen, dann darf ich auch jede zweite Runde gehen. Den Gedankengängen kann ich irgendwie nicht mehr folgen, es ist als wäre da nichts mehr zwischen den Ohren, was die Worte auffangen könnte. Vermutlich will ich der Rechnerei aber einfach nicht folgen, denn die 200 km habe ich innerlich schon als heute nicht mehr erreichbar abgeschrieben.

Gegen 10:30 Uhr steht meine Mutter an der Strecke. Sie erkennt mich (ein gutes Zeichen), sieht aber irgendwie etwas ungläubig aus, so als würde die Frau ohne Unterleib vorbeischweben. Ich glaube ihre Gedanken lesen zu können: „Habe ich Dich wirklich auf die Welt gebracht, damit Du 24 Stunden im Kreis läufst?“

Die letzten Stunden sind unglaublich zäh. Schließlich bricht aber doch die letzte Stunde an. Ich laufe wieder zwei Runden hintereinander. Und die letzten 25 Minuten kann ich auch noch laufen. Never Ever Give UpDie letzte Runde ist unglaublich: die Zuschauer stehen dicht in Spalieren, Elke, Wiltrut, meine Mutter und ihre Nachbarin folgen mir mit einem Stuhl und einer Flasche Sekt. Jetzt geht es mir nach den gnadenlos zähen Stunden wieder gut, und direkt vor unserer Ferienwohnung erlöst mich das Ende. Die Stimmung in der letzten Stunde ist schon etwas ganz besonders. Das Leben kehrt zurück, die Depression löst sich – einfach wunderschön. Trotzdem fehlt irgendwie die Kraft, um dies so richtig zu genießen. Auch um 14 Uhr kommt kein Triumphgefühl auf. Die Erschöpfung dominiert alles. 199,410 km sind es doch noch geworden und der 3. Platz bei den Frauen in einem sehr gut besetzten Feld der Deutschen Meisterschaften (9. Gesamtplatz). Doch alles, was zunächst interessiert ist, dass es vorüber ist. Die Freude kommt erst ein paar Tage später richtig durch. 199 km – was für eine großartige Zahl (andererseits natürlich eine dumme Zahl, denn wieso innerhalb von 24 Stunden die 590 Meter nicht drin waren, versteht niemand, der selber noch nicht so lange gelaufen ist). Natürlich werde ich wieder laufen....


© Ilona Schlegel , 22. Juni 2003
i.schlegel-vij@netcologne.de

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