Zufälliges Zitat

"60 km ist etwa die Hälfte des 100 km Laufs von Biel, lassen wir uns da nicht von den Mathematikern in die Irre führen."

Walter Wagner

Nächster Ultramarathon

Wilgald Boning , 13. Juli 2003

Alpinmarathon oder Hose voll im Schotterbett

Kikeriki. Raus aus den Federn.
Frühstück am Steuer, "Deutsche Alpenstrasse", auf ins Allgäu.

Der "erste deutsche Alpinmarathon" beginnt auf einer bemerkenswert schnuckelig zwischen lieblichen Hügeln plazierten Sportanlage am Ostrand der Schrothkurmetropole Oberstaufen.

Gegenüber gibt´s ein Hotel, und dort parkt der Mannschaftsbus des 1. FC Köln.

Wenn die Saison der hier offenbar trainingslagernden Geissböcke so wie das heutige Wetter wird, dann kann sich der Rest der Liga warm anziehen: Die Sonne lacht. 20 Grad schon zum Start.

Beunruhigend? "I wo", versichere ich mir, "es geht ja zügig gen Grate&Gipfel, dort wird´s sicher erträglich".

Ich bin extra früh vor Ort, denn ich habe ein Faible für die morgendliche Entfaltung grosser Läufe:

"1,2,3, Tontest, Guten Morgen liebe Sportsfreunde, auch im Namen der Sparkasse Allgäu und des TSV...", Tapetentischauseinanderklappung, Drappierung der Prospektparade, Parkwächter kleben Tesakrepppfeile auf Parkhinweisschilder, besonders dicke Frauen schenken Rhabarberschnitten an besonders dünne Läufer aus, und kernige Veteranen fachsimpeln vor einer Holztafel, an die man das Streckenprofil gereißzweckt hat.

"Des ischt ja für Kinder", doziert ein graubärtiger Bergfex, "Galltür hingegen ischt rrrichtig hoch...".

Plötzlich Getuschel. Die Favoriten laufen (sich) ein: Miksch, Schießl, Sommer.
Wie sagt man doch gleich? Hochkarätig besetzt.

Apropos Streckenprofil: Das Konzept dieses Laufes ist sofort erkennbar.
2000 Höhenmeter. In der ersten Hälfte geht es rauf, in der zweiten wieder runter.
Ok, da gibt´s noch ein paar konzeptfremde Hügel, aber diese sind nicht mehr als Garnitur.
Jedenfalls, wenn man das Profil ganz grob betrachtet.
Halbzeit ist an der Bergstation der Hochgradbahn, 1708 m.ü.d.M.

"Verstehe", kombiniere ich, "wenn das so ist, steck´ ich in Hälfte eins sagen-wir-mal 70% und in Hälfte zwei 30%". Fertig ist meine Renntaktik. Peng und los.

Raus aus dem Stadiönchen, die Bahngleise entlang, am Kurhaus mit seinen picobello gepflegten Rabatten vorbei und dann beginnt auch schon der erste Anstieg.
Lustig, wie der Läuferlindwurm (253 Starter, alle Achtung) umgehend umgekrempelt wird.
Die Bergauf-Spezialisten drängen nach vorne, während die versierten Downhiller mit den Stoßfederwaden und den Teleskopkniegelenken offenbar eher auf die zweite Rennhälfte setzen.

Ein Wald, eine Wiese, ein Dorf. Alles so, wie man sich das Allgäu vorstellt. Schön, dass es Klischees gibt, die der Wirklichkeit entsprechen. Das gibt Sicherheit.
Hie und da Kuhglocken schwenkendes Publikum (Später werde ich einmal Kuhgeläut hören und daraufhin denken: "Hoppla, hinter der Kuppe stehen ja schon wieder Zuschauer, Spitzenzuspruch hier, dankeschön –und als ich die Kuppe erreiche, sehe ich lediglich ein paar Kühe. Ätschibätsch).

Ich kürz mal ab: Nach km 10 wird´s zunehmend radikaler, der Teer wird von Schotter abgelöst, dieser wird immer grober (oder sagt man gröber?), bis er Rindertrittspuren weicht, bisweilen von Wurzelwerk verziert, bei gleichzeitiger Steigungssteigerung. Und das Publikum ruft immer seltener sein Standart-Hophophop und dafür immer häufiger "Auffi auffn Berg!"

Unterhalb der Falkenhütte beginnt das Gegehe bei gleichzeitigem Nach-Luft-Geringe.
Im Rücken der Läufer: Ein 1a Blick. Ob man von hier bei klarem Wetter bis nach, äh, Ulm gucken kann?
Tja, leider hat der Rücken keine Augen. Wäre ein Fall für die YPS-Spionagebrille mit Rückspiegelfunktion, falls sich hieran noch ein geneigter Leser erinnern kann...

Eieiei. Heiß heute. Von wegen "da oben wird´s schon frisch werden". Schwitz.

Die Suppe läuft mir in die Hose. Leider keine Funktionshose. Ich kühle, indem ich mir Wasser auf den Döz gieße. Dieses suppt ebenfalls in die Hose, und nach einer Weile sieht diese aus, als hätte ich mich eingepinkelt. Bei einem Stadtmarathon peinlich, aber hier für´s erste völlig egal.

So. Jetzt wird´s richtig rassig. Auf dem Kamm, der zum Hochgrad führt, befindet sich ein alpiner Pfad, schmal bis schmälst, gewürzt mit Sprung- Kraxel- und Drahtseilpassagen. Das Gestein ist nicht gerade laufaffin, mit blöden Längsrinnen, in denen ein Fuß bei unbedachter Führung restlos verschwinden kann, und dann macht´s kracks. Jetzt will ich nix falsches sagen, aber ich glaube, man nennt dieses Material "Nagelfluh", und es sieht nicht nur so aus wie entgleister Waschbeton, sondern fühlt sich auch so an.

Bei Schlechtwetter werde eine Ausweichroute belaufen, erklärt mir nach dem Rennen der Streckenkreatör, ein netter Mann mit dem interessanten Namen Martin Martin.

Tja, und wieder grüble ich über den Strukturfehler aller Bergrennen: Das Panorama hinüber zur Allgäuer Kette ist süperb , und was hat man davon? Gar nichts. Man guckt starr auf den folgenden Wegmeter. Alles andere ginge schon fast in Richtung Suizid.

Crescendo! Der dramaturgische –und auch tatsächliche- Höhepunkt naht! Im Sommerlicht gleißt das Aludach der Bergstation und blendet den Gipfelstürmer.

Während der Halbzeitverpflegung wird die Startnummer mit einem ulkigen Kinderstempel versehen, denn für 60 Meter läuft man auf fast gleichem Weg zurück.

Jawoll! Kampf der betrügerischen Wegabkürzung.

-Obwohl, wenn ich das mal ganz schüchtern als passionierter Startnummernsammler sagen darf:
Die Stempeltinte wird im weiteren Laufverlauf von Wasser&Schweiß zum völligen Verlaufen gebracht.
Sieht kacke aus.
-Und nochmal obwohl: Wer hier oben auf Flüssigkeitsnachschub verzichtet und stattdessen abkürzt, vollbringt bei diesem Wetter eine besondere Leistung; ihm sei die Wegverkürzung gerne gegönnt.

Bis hierhin: Ein 1A Lauf! Tolle Lokation, Wegführung, alles tiptop!

Aber nun geht´s bergab.

Und zwar auf einer mörderisch steilen Rampe aus Schotter, staubig und grundlos. Der Fuß findet kaum Halt, fluchend schlittere ich talwärts.
(Achtung Rap-taugliche Binnenreim-Einlage:) Nach einigen Metern HD wachsen wieder die Föhren und ich meine, meine Beine jammern zu hören.
Eine Viertelstunde? Länger? Schließlich endet meine Rutschpartie auf Asphalt.
100.000 Kehren, dann ist die Weißach erreicht, ein flottes Flüsschen mit Erfrischungsgeruch. Brücke.

Den Rest des Laufes möchte ich nicht rekapitulieren, nur soviel:
Es ist, als käme nach formidablem Essen der Ober mit einer völlig überhöhten Rechnung. Bitter.
Meine 70/30%-Taktik (s.o.) erweist sich als Anfängerfehler.
Jene Hügel, die von mir vorab als "bloße Garnitur" ausgemacht waren, entpuppen sich als widerliche Fieslinge.
Immer weniger fix und dafür fertiger sehne ich das Ziel herbei.
Landschaftlich ist natürlich auch der Rückweg durchaus oho, jedoch: Der Höhepunkt war oben, was folgt ist bloße Prüfung, für Kniegelenk, Willenskraft und Tropenfestigkeit.

Kurz hinter der Waißacher Pestkapelle laufe ich durch den Gartenduschstrahl eines netten Anwohners.
Meine Brille wird ob der feinen Tröpfchen undurchsichtig, und ich bin dermaßen durchgeschwitzt, dass es mir nicht gelingt, einen Fetzen trockenen Stoffes für eine Brillenputzung zu finden.
Mein allgemeiner Schwächezustand wird nun auch noch durch eine Sehschwäche bereichert.

Partielle Aufheiterung erfahre ich durch einen jungen Läufer, der ein bißchen so aussieht wie eine männliche Kati Wilhelm. Er versucht mich davon zu überzeugen, dass man abwärts immer nur rückwärts laufen sollte.
Das sei gelenkschonender. Ich wage einen Versuch und lande fast im Graben, weil der Saft nicht mehr fürs Bremsen reicht.

Stichwort Saft: Am nächsten Ausschank ertränke ich meinen Frust in Coca-Cola und seltsamer Magnesium-Limo mit Nagelfluh-Geschmack. Innerlich scheint sich eine Redox-Reaktion zwischen diesen Flüssigkeiten zu entwickeln.
Mein Bauch fühlt sich an wie eine verrostete Zementmischmaschine. Grrr.

Zwischen Kurhaus und Bahnübergang höhnt eine halbstarke Göre: "Kuck mal, der hat sich in die Hose gepisst!" "Schnauze!" fauche ich tonlos und beschließe, mir am kommenden Montag eine dunkle Funktionshose zuzulegen.

So. Schluss jetzt. Ich schleppe mich durch Oberstaufen, krieche ins Stadion, staune über meine doch recht zügigen 4: 28 Stunden (2 fast gleiche Hälften, wie im Lehrbuch, hahaha) und lege mich ins Gras.

Schuhe aus, Flasche auf, Affe tot. Fazit: Ein sehr schöner Lauf. Organisation freundlich und erfahren, Verpflegung lufthansatauglich, Preisgeld moderat. Empfehlenswert.

Ach ja: Wäre ich eine Frau, hätte ich den dritten Platz errungen. Ob ich mich operieren lassen sollte?
So ein Pokal würde meine Freundin bestimmt ganz schön beeindrucken.
Hm. Ob sie jedoch Lust auf eine Freundin als Freund hat? Werde ich mal vorsichtig andiskutieren...
Ach Quatsch. Wenn ich mir Montag sowieso eine Hose kaufe, kann ich mir auch gleich einen zur Hose passenden Privatpokal bestellen.


© Wilgald Boning , 13. Juli 2003
Maehdresch@aol.com

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