Zufälliges Zitat

"Hier ist der Start, dort das Ziel. Dazwischen musst Du laufen."

Emil "Lokomotive" Zatopek (1922-2000)

Nächster Ultramarathon

Mattin Becker , 02. April 2004

Eiskalt erwischt

Erlebnisbericht Deutsche 100km-Meisterschaften, Kienbaum 27.03.04

Nachdem, aufgrund einer soliden Leistung beim Troisdorfer 6h-Lauf der Entschluß feststand, bei den Deutschen 100km-Meisterschaften in Kienbaum zu starten, wurde trotz Winter und Dunkelheit ein moderates Vorbereitungsprogramm absolviert. Ein letzter Formtest in Stein bestätigte einen guten Trainingsstand.

Am Freitag morgen ging es dann vom Sauerland aus mit dem Wagen auf nach Berlin. Bereits zu Hause hat es seit den frühen Morgenstunden unaufhörlich geschneit, ebenso noch im Süden von Berlin. Wo war das versprochene sonnige Frühlingswetter?

Irgendwo im Wald, östlich von Berlin befand sich das Bundesleistungszentrum

Kienbaum, eine teils moderne, teils aber auch noch mit altem Hauch überzogene

Anlage, die für jede Sportart optimale Bedingungen versprach.

Nachdem im Nu das Zimmer bezogen war, traf ich mich mit meiner "Sparringspartnerin" Sabine Strotkamp (LG Kreis Ahrweiler) um die Wettkampfstrecke unter die Lupe zu nehmen, und die müden Knochen von der fünfstündigen Autofahrt zu bewegen.

Der Kurs führte direkt von der Unterkunft über eine lange Gerade durch den Wald. Nach einem Kilometer bog man/frau rechts auf eine "Rennpiste" von 2km Länge ein, hier konnte jeder immer die vor- und nachher Laufenden beobachten. Bei km 3 verlief die Strecke zum Dorf hin, einen kleinen Anstieg auf der Straße, und links wieder auf das Gelände eingekehrt. Schon bald erreichte kam km 4, nur noch vorbei am Strecken-WC, eine kurze Rechts-Links-Kombination über Betonplatten, und schon kam man/frau wieder direkt vor der Unterkunft vorbei, ein kleines Carré wurde durchlaufen, unter dem Start-Ziel-Band hindurch, 5km absolviert, genug für heute. Schade das diese für morgen noch nicht angerechnet werden.

Am Abend noch Nudelpatty mit Filmschau, und schwelgen in Nostalgie.

Alle LäuferInnen waren versammelt, so das es sehr häufiges "Ja hallo erstmal...." und "wo warst du denn zuletzt...." und "du siehst aber müde aus..." gab. Danach aber früh ins Bett.

Am Morgen klingelte um 04:00h der Wecker, Waschen, Anziehen, Frühstücken. Danach noch einbalsamieren, sitzt die Hose, werfen die Socken keine Falten, scheuert das Trikot nicht? Alles noch mal kontrolliert, die Startnummer befestigt.

Noch schnell den Korb mit den unwichtigsten wichtigen Dingen, das Gewissen ist beruhigt, an der Strecke platziert, und im Starterfeld eingereiht.

06:00h morgens, irgendwo in Deutschland, 190 LäuferInnen stehen bereit, und frieren. Es sind immerhin -5Grad, zwar klarer Himmel, aber bitterkalt.

Nachdem ich Sabine Biel 2003 mit 11:42h bei ihrem erstem 100km-Lauf ins Ziel gebracht hatte, nahmen wir uns eine durchaus realistische Zeit von ca. 10:30h für diesen Wettkampf vor. Wenn es ganz super gut laufen würde, träumten wir auch von einer Zeit von unter 10:00h, aber nur im Traum. Nun ja, sicher ist sicher, also hatte ich ein Anfangstempo von 5:40min/km vorgeschlagen, damit hätten wir bei km 50 eine Zwischenzeit von 4:45h erreicht, und uns ein kleines Polster erarbeitet.

Dann ertönt der Startschuß und das Feld zieht von dannen. Auf dem breiten Weg verteilt sich die Masse gut, so das wir von Anfang an unser Tempo einhalten konnten. In der vierten Runde überholt uns die Männerspitze, einträchtig miteinander plaudernd. Eine Runde später die führenden Frauen, umringt von mehreren Männern, zwieträchtig schweigend?

Der fröhliche Morgengesang der Vögel verstummt so langsam, in den offenen Passagen wird es schon wärmer, dreilagig ist zuviel, der Magen macht, wie bei vielen anderen, leichte Probleme, also bei km 30 kurz aufs Strecken-WC, und die Verfolgungsjagd zu meiner Laufkollegin aufgenommen. Nach drei Runden habe ich sie wieder, eine weitere einträchtig im gleichmäßigen Tempo absolviert, aber dann bei km 50 erwischt es mich wieder eiskalt. Erneut eine Sitzpause auf dem Strecken-WC, danach noch gute Ratschläge und Magenberuhigendes von "Mutter Theresa" Jutta Jöhring, die diesesmal wieder für beste Verpflegung ihrer Schützlinge sorgte.

Na gut, ich versuche es nochmal, so schnell wirft es mich doch nicht aus der Bahn, dachte ich, weit gefehlt, die Zeiten wurden von km zu km langsamer, nichts mehr mit einem 5:40er Schnitt, der Magen zwickt, die Oberschenkel ziehen, die Fußsohlen brennen, und jetzt noch 40km? Nee, schau dochmal, dort oben ist das Zimmer, mit einer warmen Dusche, mit einem weichen Bett, mit einem warmen Kaffee, und hier....?

Wieder kalt erwischt, vom inneren Schweinehund, dieses mal war der Wille zu schwach, und das Fleisch zu hart um mich noch weiter zu quälen.

Aus und Vorbei ;-(

Vom Zimmer aus konnte ich die Strecke einsehen, sah wie Sabine, die mir

zwischenzeitlich davon geeilt war, eine Runde nach der anderen in gleichmäßiger Zeit absolvierte. Nach einer Stunde begab ich mich dann doch wieder an Strecke, mieses Gefühl als Looser am Streckenrand zu stehen.

Aber so konnte ich wenigstens noch gute Dienste als Versorger leisten, konnte

Jutta und Elke zur Seite stehen, konnte sehen, wie Sabine bei km 80 tatsächlich immer noch auf Kurs-unter-10-Stunden war. Zwar schmolz das Polster von 12 Minuten welches wir bei km 50 herausgelaufen hatten, allmählich, aber es waren immerhin noch 9 Minuten.

Der Aufenthalt an den Verpflegungsstellen wurde immer länger, die Km-Zeiten lagen aber allesamt noch unter 6er-Schnitt.

Km 90, Sabine ist immer noch gut gelaunt und frohen Mutes, noch 6 Minuten Vorsprung, Km 95 - letzte Runde - noch 33 Minuten bis zur 10.Stunde, die letzte Runde dauerte 32 Minuten. "Lauf zu, häng dich an die Barbara vor dir..." gesagt getan. KM 98 - noch 17 Minuten bis zur vollen Stunde - "Du bist sicher drin, du schaffst es" - und nicht nur sie. Kurze Zeit drauf biegt sie in die Zielgerade ein, hat Barbara noch hinter sich lassen können, die letzten Meter, die letzten Schritte, Z I E L erreicht nach 100km und 9:54:09h !!!

Stehenbleiben ist gar nicht möglich, zielstrebig steuert sie den Verpflegungsstand an, Cola und Tee, immer noch in Bewegung, warmen Pullover anziehen, Handtuch und dann erst einmal auf einen Stuhl in der Sonne setzen.

Was durch das vermischte Feld gar nicht deutlich war, alle Frauen die zu diesem Zeitpunkt zusammenliefen, waren in der gleichen letzten Runde, so ergab es sich, das knapp eine Stunde lang, gar keine Frau finishte, und nun plötzlich vier Frauen innerhalb von 20 Sekunden ins Ziel kamen, eine weitere nur eine Minute danach.

Wir warten noch auf Iris von der LG Bonn-Troisdorf, bereits zweimal in Biel mit 11:15h gefinisht, möchte sie dieses mal gerne unter 11:00h bleiben. Auch sie hat sich das Rennen gut eingeteilt, keinen Einbruch gehabt, und läuft froh gelaunt nach 10:19h mit einer deutlichen Verbesserung ihrer Zeit ins Ziel.

Die Platzierungen waren derart verteilt, das die alte neue Deutsche Meisterin Tanja Hooß in knapp unter 8h finishte, wenig dahinter die Deutsche 50km-Meisterin und sechste von Biel 2003, Birgit Schönherr-Hölscher. Ilona Schlegel auf dem 6.Platz verbesserte ihre persönliche Bestzeit auf 8:51h.

Siebte wurde Simone Stöppeler in 8:55h, und dann kam eine Stunde lang keine Frau mehr ins Ziel, bis Sabine Strotkamp vollkommen unerwartet, als Gesamt-8. der Deutschen Meisterschaften noch zur Siegerehrung gerufen wurde.

Zwar reichte es für Sabine "nur" zum 6.Platz der AK, aber dafür Iris erlief sich den 2. Rang in ihrer Altersklasse.

Beim sehr schmackhaften Abendessen, bekamen wir noch eine Vorstellung darüber welchen Stellenwert die Ultras doch haben. Am Eingang zur Kantine erklärte die Küchenfee: "Dort liegt das Besteck, hier ist das Buffet, dort hinten sind ihre Plätze, hier vorne wo eingedeckt ist, sitzen die Sportler..." ;-))

Nach reichlichem Genuß, hatte der Veranstalter noch zur Gesamt-Siegerehrung geladen. Sehr stimmungsvoll bekam hier nochmal jeder Finisher, Urkunde,

Ergebnisliste, Blume und Zielfoto. Die meisten, selbst Heike, hatten noch das Glück bei der Tombola Preise zu empfangen.

Alles in Allem war es ein gelungenes Wochenende, auch wenn sich die "Weicheier" am Ende grämen mussten, aber Strafe muss sein, und nächstes Mal wird es dafür besser. Kienbaum wir kommen wieder, und dann ins Ziel.

Mattin der Rothaar.


© Mattin Becker , 02. April 2004
mattin.becker@t-online.de

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